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Psychologie von Geiz und Habgier (avaritia)

Geiz und Habgier sind weit verbreitete Todsünden.

Doch welche Motive verbergen sich hinter ihnen?

Bereits im Mittelalter zählte die Kirche Geiz und Habgier (avaritia) zu den schlimmsten Todsünden.

Auch der Buddhismus stuft die Gier nach materiellen Dingen als negativ ein.

In der heutigen Zeit sind diese problematischen Eigenschaften jedoch weit verbreitet unter den Menschen und werden von manchen Wirtschaftsexperten sogar als positiv angepriesen.

Der Geiz in der Marktwirtschaft

Dass sich Geiz und Habgier in der Gesellschaft derart durchsetzen konnten, liegt auch in den Regeln der Marktwirtschaft begründet. Dort wird das Anhäufen von Besitztümern zum eigenen Nutzen sogar gefördert und belohnt.

Im Jahr 1986 pries der amerikanische Börsenspekulant Ivan Boesky in der kalifornischen Universität Berkeley die Gier sogar als gesund an.

Der Mensch sei durchaus in der Lage, trotz seiner Habsucht mit sich im Reinen zu sein.

Dadurch kehrte Boesky die Habgier von einer Todsünde in eine Tugend um.

Seine Sprüche dienten sogar als Slogan für hartes und kompromissloses Marktwirtschaftsdenken. Dabei galt das Anhäufen von materiellem Besitz zum eigenen Nutzen und auf Kosten anderer als erstrebenswertes Ziel.

Boesky selbst wurde später zum negativen Vorbild für den Kinofilm „Wall Street“, in dem Michael Douglas einen skrupellosen Spekulanten nach dessen Prägung verkörperte.

Geiz und Habgier finden bis heute noch Anklang, vor allem in der Wirtschaftswelt. So preisen Werbekampagnen Geiz sogar mitunter als „geil“ an.

Doch welche psychologischen Hintergründe haben diese beiden negativen Eigenschaften, dass sie immer wieder von vielen Menschen positiv aufgenommen werden?

Was steckt hinter der Habsucht?

Als habgierig gelten Personen, die dazu neigen, Besitztümer in großen Mengen für sich anzuhäufen. Dabei nehmen sie keinerlei Rücksicht darauf, wie sich ihre Gier auf andere Menschen oder die Umwelt auswirkt.

Habgier und Geiz sind fest miteinander verbunden. So wollen die Habgierigen ihren Besitz nicht mit anderen teilen.

Habgier durch Angst

Als wichtigste Ursache für Geiz und Habgier gilt die Angst, selbst arm zu sein oder zu wenig zu bekommen.

Oft herrscht bei den betroffenen Personen ein Gefühl der inneren Leere, das sie mit dem Erwerb von Besitztümern auszugleichen versuchen.

In den meisten Fällen misslingt dies jedoch und die Geizigen und Gierigen verspüren noch mehr seelischen Schmerz.

Viele Geizige erleben zudem ein Gefühl des Entzugs. Häufig verlangt es sie nach etwas, das sie nicht in ihren Besitz bringen können oder das für sie unerreichbar ist.

Gelingt es, bestimmte Dinge zu erwerben, hält die Freude darüber nur kurze Zeit an und wird schon bald wieder von der inneren Leere abgelöst.

Der Geiz aus Sicht von Psychotherapeuten

Einige Psychoanalytiker wie zum Beispiel Melanie Klein (1882-1960) sahen den Ursprung von Habsucht und Geiz in der oralen Phase des Menschen.

Bereits in der frühen Kindheit kann sich die Habgier manifestieren, wenn das Baby zu früh von der Brust der Mutter abgesetzt wird.

Weil das Kind vergeblich nach der mütterlichen Brust sucht, benötigt es einen Ersatz, der im weiteren Leben vom Geld gebildet wird.

So entsteht die Habgier nach Kleins Auffassung durch narzisstische Allmachtsphantasien des Kindes.

Der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud (1856-1939) stellte den Geiz dagegen in Zusammenhang mit der analen Phase.

So hätten geizige und penible Menschen als Kleinkinder lange Zeit benötigt, um ihre „infantile incontinentia alvi“ in den Griff zu bekommen.

Daher glaubte Freud, dass es Personen, die im Kindesalter immer wieder unter Inkontinenz litten, Lust bereite, ihre Exkremente möglichst lange zurückzuhalten.

Mit zunehmendem Alter verschließen die Betroffenen nicht mehr ihren Schließmuskel, sondern ihre Brieftasche.

In der Gegenwart halten manche Forscher diese kühne These allerdings nicht mehr für überzeugend.

Ein Problem besteht auch darin, dass viele Betroffene ihr geiziges Verhalten selbst gar nicht bemerken.

Darüber hinaus betrachten einige Psychologen Habgier sogar unter bestimmten Umständen als positiv.

Normale Habsucht

Studien, die sich mit den soziologischen Aspekten von Habgier und Geiz befassten, gelangten zu der Ansicht, dass diese Eigenschaften wichtig für das Überleben des Menschen sind.

Daher dürfen sie auch nicht verurteilt werden, solange der Betroffene damit nicht innere Leeren auf Kosten anderer Menschen zu füllen versucht.

Schließlich wird Geld in der modernen Gesellschaft unbedingt benötigt, um überleben zu können. So müssen zahlreiche Kosten wie Nahrungsmittel, Miete, Strom, Fahrpreise und Kleidung beglichen werden.

Es gilt also eine Grenze zwischen lebenswichtigen Ressourcen und einem ständigen Verlangen nach mehr zu ziehen.

Das Überschreiten dieser Grenze findet dann statt, wenn der Betroffene emotionale Probleme mit Geld und Besitztümern rücksichtslos auszugleichen versucht.

Werden Geiz und Habgier vererbt?

Nach Meinung des Religionspädagogen Anton Bucher von der Universität Salzburg spielt auch die Herkunft des Menschen eine entscheidende Rolle beim Entstehen von Geiz und Habgier.

So übernehmen viele Kinder das Verhalten ihrer Eltern. Dabei erlernen sie von Mutter und Vater soziales Verhalten, das sowohl positiv als auch negativ ausfallen kann.

Sind die Eltern geizig, neigen meist auch ihre Kinder zu Geiz.

Aber auch andere Personen können das Verhalten ihrer Mitmenschen beeinflussen.

In einer Studie teilten 64 Schulkinder zwölf Murmeln zwischen sich und einem weiteren Mitspieler auf. Wenn sie im Vorfeld sahen, dass andere Kinder von zwölf Murmeln neun für sich behielten, verwendeten sie acht Murmeln für sich. Wenn die anderen Kinder jedoch selbst nur drei Murmeln behielten und die restlichen neun verteilten, verwendeten sie nur vier bis fünf Murmeln für sich.

Was tun gegen die Habsucht?

Etwas gegen Gier und Geiz zu unternehmen, ist nicht leicht.

Häufig erkennen die Betroffenen ihr Fehlverhalten gar nicht und wähnen sich lediglich sparsam.

Außerdem sind die Grenzen zwischen sinnvoller Sparsamkeit und übertriebenem Geiz nicht immer eindeutig erkennbar.

Um einen Menschen von Geiz und Habsucht befreien zu können, muss den Ursachen für sein Verhalten auf die Spur gekommen werden.

Gelingt es, die auslösenden seelischen Beeinträchtigungen zu beheben, kann der Mensch erkennen, dass Großzügigkeit wichtiger ist als das bloße egoistische Anhäufen von Sachwerten.

Dabei verhilft die Gebefreudigkeit oft zu mehr Zufriedenheit im Leben als nie enden wollende Habgier.