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Psychologie der Trägheit (acedia)

Unter Trägheit wird das Verharren in Tatenlosigkeit verstanden.

Aber was sind die Gründe dafür?

Todsünde Trägheit

Die Trägheit oder Faulheit zählt zu den negativen Eigenschaften der Menschen. Die christliche Kirche nahm sie als ‚acedia‚ rasch in die Liste der Sieben Todsünden auf. Dabei beschränkte sie die Trägheit aber nicht nur auf die physische Faulheit, sondern weitete sie aus auf die Trägheit des Herzens, den Verlust der Tatkraft, die Verfinsterung des Gemüts und die Trübung des Willens.

So betrachtete die Kirche die Trägheit nicht als Muße, sondern sah sie als spirituelle Abwendung von Gott an.

Auch in der heutigen Zeit gilt die Trägheit nach wie vor als sehr negative Eigenschaft, vor allem was die Trägheit des Herzens betrifft. Dazu gehört zum Beispiel, kranken und schwachen Menschen nicht zu helfen, obwohl man die Möglichkeit dazu hätte.

Die Psychologie der Trägheit

Psychologisch erklären lässt sich der Hang zur Trägheit u. a. damit, dass der Mensch Bequemlichkeit durchaus zu schätzen weiß. Auf Veränderungen reagiert er zumeist mit Unbehagen. Wurde eine bestimmte Entscheidung getroffen, ist es dem Menschen lieber, wenn er sich nicht aufs Neue entscheiden muss, da dies wiederum neue Risiken bedeutet.

Von den Psychologen wird dieser Hang zur geistigen Trägheit als „Status quo bias“ bezeichnet. Sogar wenn sich bessere Möglichkeiten ergeben, möchte der Mensch seiner zuvor getroffenen Entscheidung lieber treu bleiben.

Vom Theologen Alfred Bellebaum wurde die Trägheit als ein subtiles Laster beschrieben. So tritt diese Todsünde in verschiedenen Masken auf wie Mutlosigkeit, Feigheit, Überdruss, Widerwille, Ekel und Langeweile.

Trägheit und Gleichgültigkeit

Als besonders schlimm gilt die Trägheit in Verbindung mit Gleichgültigkeit. Einige Psychologen wie Heiko Ernst sehen in der Gleichgültigkeit die moderne Variante der mittelalterlichen Trägheit, wie sie von Papst Gregor dem Großen beschrieben wurde.

Dazu gehört in erster Linie die geistige Trägheit. Sie macht sich nicht durch das faule Herumliegen auf der Couch bemerkbar, sondern durch eine gefährliche Gleichgültigkeit.

Dabei wirken die Gleichgültigen wie abgestorben. Sie zeigen nicht einmal mehr Reaktionen wie Wut, sondern wirken stattdessen unbeteiligt. Letztlich haben sie weder Freunde noch Feinde.

Wohlstand als Quelle der Trägheit

Im Mittelalter galt die Trägheit auch als Krankheit der Mönche. So zeigte sich diese Todsünde insbesondere bei den wirtschaftlich gut gestellten Mönchen, die ein gleichförmiges Leben führten. In dessen Verlauf verloren sie jedoch die Freude an Gott sowie dessen Schöpfung und schließlich auch am Leben.

Psychologen betrachten die moderne Form der Trägheit ebenfalls als ein Phänomen des Wohlstands. Eine Übersättigung führt zu Apathie und Teilnahmslosigkeit.

Bemerkbar macht sich dieser Rückzug von den Menschen u. a. durch Desinteresse an Politik und Gesellschaft. Die Initiative wird anderen Personen überlassen. Dieses Verhalten hat wiederum den Nachteil, dass es auch zu Resignation gegenüber habgierigen und hochmütigen Zeitgenossen führt, die sich diese Trägheit jedoch für ihre materiellen und egoistischen Ziele zunutze machen.

Die trägen Menschen ziehen sich lieber zurück, weil sie bestrebt sind, keinen Schaden durch zu eifriges Verhalten zu erleiden. Sie resignieren und ergeben sich der Teilnahmslosigkeit.

Einige Psychologen wie Heiko Ernst sehen darin allerdings auch einen Rückzug vor Gier, Geschäftigkeit und Machtstreben in der Welt. Manchmal kann es sich bei trägem Verhalten auch um eine grundsätzliche Ablehnung der problematischen Verhältnisse auf der Welt handeln.

Schon der irische Schriftsteller Oscar Wilde (1854-1900) sprach sich dagegen aus, sich im beherrschenden Kapitalismus wie ein Hamster in seinem Rad gedankenlos abzuschuften. Zu welchem Zweck sollte der Mensch das tun?

Trägheit durch Krankheiten

Manche Menschen können allerdings nichts dafür, wenn sie antriebslos oder apathisch wirken. Mitunter verbergen sich dahinter Beschwerden und Erkrankungen wie zum Beispiel:

  • chronische Überforderung oder das Burnout-Syndrom,
  • eine Schilddrüsenunterfunktion,
  • Schlafprobleme,
  • psychische Störungen wie Psychosen, eine Sozialphobie, Agoraphobie, Neurosen oder Depressionen,
  • Wahrnehmungsstörungen wie Seh- oder Hörprobleme,
  • niedriger Blutdruck.

Positive Aspekte

Letztlich haben auch Trägheit bzw. Faulheit ihre positiven Aspekte. So entstanden viele Erfindungen im Grunde genommen aus Bequemlichkeit.

Jahrhundertelang schrieben die Mönche die Bücher ab, um sie zu vervielfältigen, bis schließlich Johannes Gutenberg (1400-1468) im 15. Jahrhundert den Buchdruck erfand und damit diese mühsame Tätigkeit überflüssig machte. Auch die Erfindung des Automobils, der Eisenbahn und des Flugzeugs könnte darauf zurückgehen, dass die Menschen lieber bequemer reisten.

Geistige Trägheit schlimmer als physische Faulheit

Schon Papst Gregor I. (540-604) betrachtete die geistige Trägheit als wesentlich schlimmer als die körperliche Faulheit. Es ging ihm letztlich nicht darum, wie viele Stunden der Mensch arbeitete. Vielmehr prangerte er die geistige und geistliche Trägheit an, bei der sich die Menschen selbst unterforderten und sich geistig zu wenig anstrengten.

Nach Papst Gregors Ansicht dachten die Menschen selbst bei reger körperlicher Betätigung nicht mehr darüber nach, welche Aufgaben Gott ihnen im Allgemeinen erteilt hatte.

In der heutigen Zeit rennen viele Leute dem finanziellen Profit nach. Dafür sind sie sogar bereit, Freiheiten aufzugeben. Daher stellt die geistige Trägheit nach wie vor ein verbreitetes Problem des Alltags dar. Die Gleichgültigen zeigen sich sogar mit den Freiheiten, die sie genießen, oft überfordert.

Es besteht bei vielen Betroffenen eine regelrechte Furcht vor der Freiheit, die Trägheit und Selbstunterforderung zur Folge hat. Durch dieses Nichtanstrengen kommt es zu einer seelischen Verarmung.

Besonders schlimm wird die Trägheit, wenn die Trägen sich nicht einmal mehr dagegen wehren, schlecht behandelt zu werden. Menschen in Not haben von ihnen erst recht keine Hilfe zu erwarten. Dabei versteckt sich die Trägheit nach Ansicht des Psychologen Heiko Ernst oft hinter Ignoranz und Egoismus.

Mut zeigen gegen die Trägheit

Als bestes Mittel gegen die Trägheit gilt ein leidenschaftliches Leben. Dies erfordert jedoch den Mut, sein Dasein selbst in die Hand zu nehmen und, falls nötig, Korrekturen durchzuführen, wenn es einmal in die falsche Richtung geht.

Auch wenn das Leben immer wieder neue Entscheidungen erfordert, ist es wichtig, stets aufzustehen und weiterzugehen.