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Psychologie der Wollust (luxuria)

Unter Wollust wird ein unmäßiges sexuelles Verlangen verstanden, das über die Vernunft des Menschen siegt.

Wie ist das Entstehen der Todsünde zu erklären?

Todsünde Wollust

Von der katholischen Kirche wird die Wollust (luxuria) als eine der schlimmsten Todsünden gesehen.

Doch nicht nur namhafte Vertreter des Christentums wie die Kirchenväter Hieronymus und Augustinus oder der berühmte Theologe Thomas von Aquin standen der Wollust kritisch gegenüber, sondern auch vorchristliche Philosophen wie Platon oder Aufklärer wie Immanuel Kant.

Der griechische Philosoph Platon (428/427 – 348/347 v. Chr.) geißelte die Wollust als schädlich und sah es als Versagen an, ihr nachzugeben.

Auch der römische Gelehrte Plinius der Ältere (23 oder 24 – 79 n. Chr.) lobte die Tugendhaftigkeit der Elefanten, die sich nur alle zwei Jahre der Kopulation hingaben und dies nicht zu ihrem Vergnügen taten. Den römischen Männern und Frauen empfahl Plinius, das Gleiche zu tun.

Vom Stoiker Seneca (1-65) wurde wiederum gefordert, den sexuellen Gelüsten ausschließlich zur Fortpflanzung nachzugeben.

Diese Idee machte Kirchenvater Augustinus von Hippo (354-430) zu einer Regel. Dabei wurde die Wollust mit Ekel, Unreinheit und tierischem Verhalten gleichgesetzt. Sogar Krankheiten und Missbildungen sollte sie hervorrufen. Sexuelle Enthaltsamkeit galt dagegen als wichtiger Sieg über das Tier im Menschen, der den Weg zu Gott ebnete.

Das Wesen der Wollust

Auch heute noch hat die Wollust in der Gesellschaft einen schweren Stand. Während die Liebe als höchstes Gut gepriesen wird, gilt die Wollust als gefährliche Emotion, die die Menschen immer wieder überkommt und für die sie sich später oft schämen.

So werden Pärchen, die sich offen liebevoll umarmen, von den meisten Menschen mit Wohlwollen betrachtet, während Personen, die in aller Öffentlichkeit sexuell aktiv sind, auf Ablehnung und Empörung stoßen.

Nicht nur die Kirche betrachtete übertriebenes sexuelles Verlangen als problematisch, weil sie dem Weg zu Gott entgegenstand, sondern auch die Aufklärung. So befürchteten viele Aufklärer, dass die Wollust die Autonomie des Menschen behindere.

Besonders fromme Christen, die streng asketischen Sekten angehörten, entmannten sich lieber selbst, als der Todsünde nachzugeben. Zu sehr erfüllte die Wollust sie mit Abscheu und Angst. Sogar Maschinen gegen die Selbstbefriedigung wurden bis ins 19. Jahrhundert erfunden.

Die Wollust in Psychologie und Philosophie

Psychoanalytiker ersetzen den Begriff Wollust durch Sexualität. Obwohl sie oft kritisch betrachtet wird, ist sie in der heutigen Zeit allgegenwärtig. Sogar aktive Werbung für die Wollust wird betrieben.

Der britische Philosoph Simon Blackburn sieht die Wollust nicht als Todsünde an. Für ihn sind Lust und Begehren Tugenden, die das Leben bestätigen. Daher sollte die Wollust für die Menschheit zurückgewonnen werden.

Erforschung der Wollust

Von Biologen wird die Wollust wissenschaftlich untersucht. Der Molekularbiologe John Medina beschreibt die Wollust als Eigenschaft von mindestens vier Physiologiesystemen, die miteinander verknüpft sind. Über 30 unterschiedliche biochemische Mechanismen sowie elf Gehirnstrukturen und Hunderte von Genen sind an ihr beteiligt.

Im Grunde genommen beschreibt die Wollust das Streben nach Gelegenheiten zu sexuellen Aktivitäten. Diese sind wiederum zur Fortpflanzung sowie zum Erhalt der Menschheit unverzichtbar. Manche Wissenschaftler und Psychologen sehen einen Mangel an Wollust sogar als pathologisch an.

Wollust entsteht im Kopf

Die deutsche Psychoanalytikerin Ilka Quindeau vertritt die Meinung, dass die sexuelle Lust im Kopf entsteht und nicht durch die Reibung der Geschlechtsteile. Beim Sexuellen handelt es sich um eine Antwort darauf, begehrt zu werden.

Auch sexuelle Phantasien spielen eine wichtige Rolle, da sie die Grundlage für sexuelle Wünsche schaffen. Oft werden die Bilder dazu von der Pornographie geliefert, die sich meist über das Internet beziehen lässt. Die Menschen könnten dabei innerlich sowohl die Rolle des einen Partners, aber auch des anderen einnehmen.

Wollust und Liebe

Wollust und Liebe stellen oft eine Spannung dar, die sich nicht lösen lässt. Eine Verhandlungsmoral hat die religiöse Moral weitgehend abgelöst. So werden die Grenzen zwischen Wollust und Liebe von den Paaren selbst festgelegt und gesteuert.

Die Grenzen zwischen Liebe und sexueller Begierde verschwimmen oft und bleiben unklar. An der genauen Erklärung der ‚Todsünde‘ Wollust wird die Psychologie noch viel Arbeit haben.