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Psychologie des Zorns (ira)

Der Zorn gehört zu den Todsünden, die als besonders negativ angesehen werden.

Dabei kann die Wut auch positive Energie freisetzen.

Zorn und Wut

Fast jeder Mensch reagiert hin und wieder wütend oder zornig, weil er sich über etwas oder jemanden ärgert. In manchen Fällen ist der Zorn (ira) derart intensiv, dass er die betroffenen Menschen komplett beherrscht und sie zu Handlungen verführt, die sich ihrer Kontrolle entziehen.

Gründe für Zorn

Die Auslöser für Zorn- oder Wutausbrüche sind individuell verschieden. So kann Wut durch Beleidigungen, Kränkungen, ungerechte Behandlung, Versagen oder Enttäuschung entstehen. Die Wut macht sich fast immer äußerlich bemerkbar und führt zu aggressivem Verhalten.

Als typische Anzeichen für Zorn gelten eine zitternde, laute Stimme, das Röten der Haut, ein beschleunigter Atem, das Zusammenpressen der Lippen sowie das Aufblähen der Nasenflügel. Andere Menschen reagieren in der Regel negativ auf Zornesausbrüche und betrachten den Wütenden als primitiven Menschen mit schlechtem Benehmen.

Unterschiedlicher Zorn

Zorn ist nicht gleich Zorn. So kann er in dumpfe Wut umschlagen, die zumeist durch eine schwere Kränkung entsteht oder durch ungerechtfertigtes Verhalten von anderen Menschen. So werden Kinder oft zornig, weil sie zum Beispiel ein Spielzeug nicht bekommen. Die Eltern reagieren wiederum oft mit Wut, weil das Kind nicht das tut, was sie von ihm verlangen. Andere Menschen geraten dagegen in Rage wegen Fehlplanungen oder ungerechten Verhältnissen.

Zu unterscheiden ist außerdem der Wunsch nach Vergeltung über erlittenes Unrecht oder das Klarstellen von Unzufriedenheit. Manche Menschen werden auch aus Empörung wütend, weil beispielsweise gegen die allgemeine Moral verstoßen wurde.

Der Zorn aus Sicht der Wissenschaft

Wissenschaft und Psychologie betrachten den Zorn neutral. So kann die Wut auch eindeutige Grenzen vermitteln und als Warnsignal gelten. Positiv zu betrachten ist auch der Umstand, dass sich die betroffene Person durch ihren Zorn von ihrer inneren Anspannung oft befreien kann. Im günstigsten Fall erkennt der Zornige dadurch auch eigene Schwächen und ändert deswegen sein Verhalten.

Wird der Zorn auf Dauer unterdrückt, kann dies negative Folgen für Psyche und Körper nach sich ziehen und im schlimmsten Fall zu einer Depression führen.

Philosophen und Psychologen über den Zorn

Der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca (1-65 n. Chr.) verfasste die Schrift De ira* über den Zorn und stufte ihn darin als überaus negativ ein. So sei der Zorn wie eine kurze Geisteskrankheit. Vernünftige Menschen müssten ihn unter allen Umständen vermeiden. Seneca forderte sogar die Ausrottung der Wut.

Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) sah den Zorn als eines von elf Grundgefühlen an.

Sogar Jesus empfand in der Bibel Zorn über die verstockten Herzen der Pharisäer, die ihn anklagen wollten.

Auch Buddha (563-483 v. Chr.) äußerte sich über den Zorn. So verglich er das Festhalten an der Wut mit der Einnahme von Gift. Grundsätzlich betrachtet der Buddhismus den Zorn als Hindernis, um die Erleuchtung zu erlangen. Um dem Zorn entgegenzuwirken, meditieren die buddhistischen Mönche.

Im Islam herrscht der Glaube, dass der Zorn vom Satan stammt.

Das Christentum setzte ihn sogar auf die Liste der Todsünden.

Der englische Philosoph Francis Bacon (1561-1626) ordnete den Zorn den Schwachen zu. So würde er vor allem bei Kranken, Alten, Frauen und Kindern auftreten.

Im 20. Jahrhundert bewertete der amerikanische Psychologe Paul Ekman die Wut als Ausdruck von Ärger.

Caroll Izard ordnete den Zorn den zehn Basisemotionen zu. Allerdings ist das Konzept der Basisemotionen in der psychologischen Forschung umstritten.

Der Zorn aus biologischer Sicht

Aus biologischer Sicht gilt der Zorn sogar als positive Emotion. So kommt es bei der Wut zur Entstehung von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol. Dies führt wiederum zum Anstieg von Blutdruck und Blutzuckerspiegel.

Organe wie Gehirn, Herz und Lunge erhalten zusätzliches Blut und der Puls steigt an. Dadurch wird der Zornige munter und ist voller Energie, die er dazu nutzen möchte, um auf den Verursacher des Zorns zu reagieren. So will der Zornige kämpfen oder, wenn es sein muss, auch die Flucht ergreifen.

Manchmal sorgt intensiver Zorn für eine derartige Verunsicherung des Gegenparts, dass dieser einen Konflikt lieber vermeidet. Allerdings können manche Menschen ihre Wut so auf sich projizieren, dass ihr seelisches Gleichgewicht dadurch außer Kontrolle gerät. Besonders Kinder sind davon betroffen. Nicht selten hat verinnerlichter Zorn im weiteren Verlauf eine Depression zur Folge.

Heiliger Zorn

Mitunter wird ein Zornausbruch auch durchaus als gerechtfertigt angesehen. Er gilt dann als gerechter oder heiliger Zorn. In diesem Fall führt eine eindeutig ungerechte Handlung zum Ausbruch der Wut. Eine positive Auswirkung kann entstehen, wenn der Zornige für die Beseitigung der Ursachen eintritt und dadurch barmherzig handelt oder andere dazu bringt, ebenfalls gegen die Ungerechtigkeit vorzugehen.

Nicht immer ist der Zorn als negativ zu betrachten. So kann er durchaus positiven Zielen dienen, wenn er zu Veränderungen führt und dadurch positive Energie erzeugt.

Zorn rasch wieder verraucht

So schnell wie der Zorn entsteht, vergeht er oft auch wieder. Das kann rasch erfolgen, wenn die Situation neu bewertet wird. Manchmal hält die Wut jedoch über einen längeren Zeitraum an. Dann besteht die Gefahr, dass der Zorn in dauerhaften Hass umschlägt.

Ob der Zorn zur inneren Reinigung der menschlichen Psyche dient oder nicht, ist unter den Psychologen nach wie vor umstritten. Staut sich der Ärger jedoch länger an, kann dies sowohl der Psyche als auch der Gesundheit schaden. Grund dafür ist das dauerhafte Ausschütten von Stresshormonen.

Außerdem besteht eine ständige Aktivität des limbischen Systems, wodurch wiederum Veränderungen des Verhaltens auftreten können.

Zorn kann durchaus positiv sein

Amerikanische Studien an 10.000 Schülern ergaben, dass Testpersonen, die ihren Zorn ständig unterdrückten, zu Aggressionen und sogar zum Konsum von Drogen neigten.

Nach Meinung des Psychologen Paul Ekman kann der Zorn durchaus hilfreich sein, weil er dem Menschen klarmacht, dass sich etwas verändern muss. Dabei ist es aber wichtig, die Ursache für die Wut genau zu kennen, damit sie in positive Energie umgewandelt wird.

Als hilfreich, um den Zorn schneller in den Griff zu bekommen, gilt das Anwenden von Entspannungsmethoden, Meditation oder einer kognitiven Verhaltenstherapie.