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Trägheit (lateinisch: acedia)

Trägheit, Faulheit, acedia
Bild: txking / Shutterstock.com

Bei der siebten und letzten Todsünde handelt es sich um die Trägheit.

Sie wird auch als Faulheit bezeichnet.

Was wird unter Trägheit bzw. Faulheit verstanden?

Als Faulheit oder Trägheit (acedia) gilt die Tatenlosigkeit eines Menschen. Dabei kritisiert ein Mensch den anderen als faul, weil dieser seinen Aufgaben nicht ausreichend oder überhaupt nicht nachgeht.

Der Begriff Faulheit kann aber auch missbräuchlich Verwendung finden, wenn ein Mensch nicht das tut, was der andere von ihm verlangt und dieser jenen deshalb als Faulpelz beschimpft.

In manchen Fällen lässt sich die vermeintliche Faulheit auch mit einer Erkrankung wie dem Burn-out-Syndrom verwechseln, in dessen Rahmen der angeblich Faule einen Energiemangel erleidet.

Faulheit in der Antike

Nicht immer wurde Faulheit derart negativ bewertet wie in der heutigen Zeit. So schätzten manche antike Philosophen wie der Römer Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) die würdevolle Muße als positives Merkmal.

Dabei wurde die freie Zeit in Zurückgezogenheit mit Philosophie und Wissenschaft verbracht. Allerdings überließen die oberen Römer schwere körperliche Tätigkeiten ohnehin lieber dem gemeinem Volk oder den Sklaven, denn gewöhnliche Arbeit wurde in der Antike verachtet.

Die Trägheit im Christentum

Im Christentum erhielt die Faulheit die Bezeichnung akedia, was lustlos oder träge bedeutete.

Im 4. Jahrhundert n. Chr. setzte der asketische Mönch und Schriftsteller Euagrios Pontikos (345-399) die Faulheit auf seine Liste der acht Hauptlaster. Dabei schilderte er das Laster jedoch recht humorvoll. So beschwert sich ein müder Mönch, der schlecht geschlafen hat, ständig über seine Mitmenschen und alle möglichen Dinge. Dabei haben alle an seinem Missmut Schuld, außer ihm selbst.

Die Betroffenen seien derart träge, dass sie nicht einmal zum Nichtstun Lust hätten. Alles, was sie tun, sehen sie als schlecht an. Tun sie jedoch etwas anderes, ist es ihnen auch nicht recht.

Von den Mönchen wurde die akedia auch als Mittagsdämon bezeichnet, weil sich das negative Verhalten stets zur Mittagszeit zeigte. Als Ausweg rieten sie dazu, den Tag sinnvoll zu strukturieren sowie ihn mit bestimmten Ritualen zu beginnen und zu beenden. So ist die äußere Ordnung wichtig, wenn die Seele des Menschen in Unordnung gerät.

In den folgenden Jahren fassten die Mönche unter der akedia den Verlust der Tatkraft, die Verfinsterung des Gemüts, die Trübung des Willens sowie die Trägheit des Herzens zusammen.

Mit Müßiggang hatte diese Sünde nur wenig zu tun. Vielmehr bedeutete das geistliche und weltliche Nichtstun eine Abkehr von Gott. Aus diesem Grund fügte Papst Gregor I. (540-604) die Faulheit bzw. Trägheit im 6. Jahrhundert den Sieben Todsünden der katholischen Kirche hinzu. So kann diese Wurzelsünde die Schuld daran tragen, dass Kranken, Schwachen und Armen nicht geholfen wird, obwohl die Gelegenheit dazu besteht.

Von den Protestanten wurde der Fleiß als Symbol eines gottgefälligen Lebens betrachtet. Aus diesem Grund lehnten sie Muße und Trägheit kategorisch ab.

Aber auch der katholische Benediktiner-Orden lebte nach dem Grundsatz „Bete und arbeite“. Träge Menschen galten dagegen als anfällig für Schwermut und unnötiges Grübeln.

Im Unterschied zur heutigen Zeit arbeiteten die Menschen im Mittelalter allerdings weniger. So gab es mehr Feiertage und das Arbeiten am Sonntag war vor der Industrialisierung noch kein Thema.

Darüber hinaus gab die Natur den Rhythmus der meist landwirtschaftlichen Arbeit vor und nicht moderne Maschinen. So wurde zum Beispiel kaum in den Nachtstunden gearbeitet.

Faulheit im Wandel der Zeit

Durch die Arbeitsmoral der Protestanten wurden Muße und Faulheit endgültig zum verdammenswerten Laster. Das Motto lautete: Arbeit ohne Genuss, um dadurch einen Platz im Himmel zu erlangen.

Die Puritaner priesen die Bescheidenheit selbst im Falle von hohen wirtschaftlichen Gewinnen an. Gottesfürchtigkeit und Askese standen für sie an erster Stelle.

Bei den Calvinisten wurde der wirtschaftliche Erfolg sogar als Pflicht angesehen. Die Arbeit wurde mehr und mehr als Selbstzweck eingestuft, sodass der Einzelne lebte, um zu arbeiten und nicht arbeitete, um zu leben.

Besonders verpönt war die Faulheit in Preußen. Dort führte ‚Soldatenkönig‘ Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) sogar die Prügelstrafe ein, um Staatsdiener, die faul erschienen, zu züchtigen.

Ab dem 19. Jahrhundert setzte aber auch eine Gegenbewegung ein. So verlangte der französische Sozialist und Mediziner Paul Lafargue (1842-1911) ein Recht auf Faulheit* und betrachtete sie als „Balsam für die menschlichen Schmerzen“.

Später wurde auch der Drang der Gesellschaft kritisiert, sämtliche Ressourcen so weit wie möglich auszuschöpfen und die Leistungen der Menschen dabei auszunutzen. So sei die Gesellschaft nur noch auf Leistung, Gewinn und Wachstum ausgerichtet. Aus diesem Grund solle der Mensch weniger Zeit für Erwerbsarbeit aufbringen.

Die Faulheit in der Gegenwart

1968 forderten Pariser Linke „Arbeitet nie!“ So glaubten viele Menschen in den 60er-Jahren, dass durch den technischen Fortschritt mehr Freizeit für den Menschen möglich sei. Sie hofften, dass vollautomatische Häuser dem Einzelnen die Arbeit abnähmen und kürzere Arbeitszeiten, wie nur drei Stunden pro Tag, möglich wären.

Stattdessen verschärfte sich der wirtschaftliche und damit auch der gesellschaftliche Konkurrenzkampf. Mehr denn je wurde die Faulheit im Zeitalter von Kapitalismus und Wirtschaftswachstum als Todsünde gegeißelt.

So sprach der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder der Gesellschaft das Recht auf Faulheit ab.

Im Vordergrund stehen stattdessen noch immer Leistungsdruck, Konkurrenzdenken und Selbstoptimierung. Unter dem Begriff Flexibilität wird eine Verfügbarkeit des Menschen rund um die Uhr verstanden.

Doch schlimmer als die Faulheit bei der Arbeit erscheint die Trägheit in Geist und Herzen der Menschen. Obwohl die Arbeitswelt höchst aktiv empfunden wird, fällt die menschliche Wahrnehmungswelt immer geringer aus. Selbst in der Freizeit wird überwiegend konsumiert, beklagen moderne Philosophen wie Konrad Paul Liessmann* von der Universität Wien.

So lässt sich der Mensch von Musik, Bildern, E-Mails und Nachrichten berieseln, ohne dafür Leistung oder Konzentration aufzubringen. Dabei kann auch die vermeintliche Faulheit durchaus anstrengend sein, wenn in ihrem Rahmen in aller Ruhe über das eigene Dasein nachgedacht wird. So wertet Liessmann diese Art der Faulheit als wichtigen Faktor für Produktivität und Kreativität, der zudem auch gesund sei.

Darüber hinaus besteht bei aller Arbeitsaktivität eine prinzipielle Trägheit im Privaten. Die Schattenseiten der ständigen Produktivität sind jedoch zunehmende Müdigkeit und Erschöpfung. Im schlimmsten Fall kann der permanente Druck zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder einem Burn-out-Syndrom führen.

Aus diesem Grund setzt sich Liessmann für Paul Lafargues Recht auf Faulheit ein, damit der Mensch die Möglichkeit erhält, sich zu besinnen und zu erholen. So kann aus der Todsünde Faulheit sogar eine Tugend werden. Ein Laster ist sie jedoch, wenn sie zu Trägheit beim Denken und egoistischer Rücksichtslosigkeit führt.